Freitag, 12. März 2021

Die Kunst zu bleiben, statt festzustecken

Nichts konfrontiert mich während der Pandemie mehr, als in unzähligen Formen festzustecken. Es fließt nicht. Jedenfalls auf den ersten Blick nicht. To stuck - von 'feststecken'. Ich weiß nichts zu machen. Mir fällt nichts ein. Ich sehe bei Problemen keine Lösungen. Ich darf nichts unternehmen. Die Pandemieverordnungen legen mich in einem sehr schmalen Raum fest. Der kleine Ausbruch, die drei bis vier Tage verreisen sind nicht. Nichts ist. Kein Restaurant, kein Treffen, Umherkommen kaum. Vieles ist geschlossen, die Ventile zu. Das war meine erste Beobachtung. Sie hatte etwas, was mich vorerst ohnmächtig machte. Nun sind es Monate, seit dem letzten November und auch heute gibt es keine wirkliche Aussicht auf Lockerung. Nicht hier in Bayern. 


Main bei Aschaffenburg. Bild: JJ

In dieser schier stehenden Welt bei laufender Zeit kommt es jedoch zu Begegnungen. Ich treffe also auf Menschen, die ich mehr oder weniger kenne. Dann kommt es zum Schwatz, zum Gespräch, ja auch zum  wertvollen Zuhören und Mitfühlen. Es kommt tatsächlich zum echten Kontakt. Aber dann ist da nichts!

Es gibt nach diesen Monaten keine News, keine wirklichen Informationen, keine Highlights. Bestenfalls Geschichten, wie man notbeholfen den 60en Geburtstag digital mit den Enkelkindern feierte. Bullshit, erzähl es mir nicht, ich kann es nicht mehr hören. Auch waren alle schon in der Natur. Na wunderbar. Es ist mir auch nicht geheuer, wenn alle sich zusammenreißen und positiv tun. Das bleibt ok und ist bestimmt richtig, doch mich gruselt das vor dem, was ich vom Leben kenne. Das ist alles ein Behelf. Man kann doch nicht TV-Shows oder Fußballspiele toll finden, bloß weil sie überhaupt und irgendwie stattfinden. Doch, danke, kann man. Und dennoch, ich jedenfalls spüre in all dem, ich stecke fest, ich komme nicht weiter. 

Nicht weniger "schwierig" erlebe ich es in diesen Wochen, mit knapp 60 Jahren jemanden kennenzulernen. Sie ist eine 60er'in, ich ein 62er. Und wir sind ganz schön in einander verschossen. Jedenfalls würden wir das gerne ausleben. Denn nicht selten laufen wir auf, auf auf all das, was oben steht und nicht möglich oder nicht erlaubt ist. Kein Einladen ins Restaurant, kein Kino, kein Hallenbad oder Schlittschuhlaufen. Natur, ja, und nochmal Natur. Von mir aus. Auch alles, was zu Hause geht, bestimmt. Aber keine Nordsee, keine Südbretagne, kein Gardasee und kein Veneto. Wir lachen schon über die einen oder anderen Klamotten. Außerdem leiden beider Geschäftstätigkeiten unter dem Stillstand. Aber das ist ein anderes Thema. Und so warten wir, als würden wir aufgestaut. Es ist echt schwierig, etwas Kavalier zu sein, wenn man das nicht wo zelebrieren kann, wo man es sich sonst gewohnt ist. Und manchmal scheint es so, als gingen uns die Themen aus. Es hat etwas Heikles, in dieser Lage. Und dann ergibt es sich, dass in diesem Zwang, stillehalten zu müssen, Dinge aus den Nichts entstehen, die "so" vielleicht nicht hervorgekrochen wären. 

Ich schaue ihr viel länger zu. Ich versuche zu sehen, was sie bewegt und aus ihr spricht. Wann lacht sie und strahlt und erzählt. Wir haben viel alten, gemeinsamen Fundus. Dinge wie Fotoalben, den ersten Ami-Wagen, meine Funkplatten, die Protestsongs oder gar Kenny-G. Und ganz und gar gehen wir auf, wenn wir von 70er-Jahre-Küche schwärmen, da in dieser Zeit ausgebildet und gastronomisch geschult, beide. Dann schreibe ich einen handgeschriebenen Brief, verpacke eine Kleinigkeit, kaufe erste Blumen. Den Brief selber einwerfen, haptisch im Briefbogen und ihrem Postkasten. Dann wieder warten. Ich sende französische Zeilen und kriege Antwort, die ich nicht erwartet hätte. Wir frühstücken und reden vom Warten. Aber dieses Versuchen, ausbrechen zu können, verzieht sich etwas - das ist meine Beobachtung in unserem Alter - wir warten, so scheint es mir, aufeinander. Jeder so gut er kann. Jeder auf seine Art und Weise. Es gibt in meinen Augen eine unausgesprochene Bereitschaft, zu bleiben, statt festzustecken. Das hat etwas Unausgesprochenes. Es bedingt viel Vertrauen in die junge Beziehung, Reife hilft, Erfahrung und Milde mit uns selbst. Wir liegen wie zwei festgemachte Schiffe im Hafen nebeneinander und halten still. Oder lachen, das hilft. 

Und aus dieser sehr nahen Erfahrung, die bis ins Intime streut, dem Gehaltenen, gehe ich mit anderem Grund in die Begegnungen, welche des Tages vorkommen. Im Vertrauen eines jeden von uns beiden ist diese Kraft und auch das Strahlen, welchem ich länger nachsehe. Wenn ich also ihr nachschaue, dann sehe ich uns beide. Dann hält mich auch wenig gefangen, dann stecke ich gefühlt nicht fest. 

(c) Jona Jakob

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